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Wie viele Medikamente nehmen Sie ein?

60-Jährige nehmen im Schnitt fünf verschiedene Arzneimittel ein – das kann zu Problemen führen. Wie Ärzte, Apotheker und Patienten gegensteuern können
von Tanja Pöpperl, 13.10.2016

Birgt Risiken: Mehrere Arzneien gleichzeitig einnehmen

istock/Samuel Micut

Es ist oft schon schwer genug, ein einziges Medikament genau nach Verordnung anzuwenden. Vor oder nach dem Essen, einmal oder dreimal täglich, morgens oder abends? Gut nachvollziehbar also, dass Menschen, die gleich mehrere Arzneimittel nehmen, leicht den Überblick verlieren können.

"Laut Statistik nehmen 60-Jährige heute im Schnitt fünf verschiedene Medikamente täglich ein, bei 80-Jährigen steigt die Zahl sogar auf sieben", weiß Arzneimittelexperte Dr. Joachim Zeeh, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Chefarzt der Geriatrischen Fachklinik Georgenhaus Meiningen. Fachleute sprechen dabei von Polypharmazie beziehungsweise Polymedikation (von griech. polys, "viele").

Eine Zeiterscheinung, die nicht nur negative Seiten hat. Denn zum einen hängt die zunehmende Anzahl der Arzneimittel mit der gestiegenen Lebenserwartung zusammen. Dank medikamentöser Therapien lassen sich viele früher lebensbedrohliche Krankheiten wie Gefäßleiden oder Nierenfunktionsstörungen heute gut behandeln. Zum anderen stehen durch differenziertere Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten so viele unterschiedliche wirksame Arzneimittel zur Auswahl wie noch nie zuvor. "Wir verfügen momentan über den effektivsten Medikamentenschatz aller Zeiten", bestätigt Joachim Zeeh. "Doch das kann Segen und Fluch zugleich bedeuten."

Falsch eingenommen, verwechselt, vergessen

Das Problem bei der Einnahme mehrerer Medikamente: Je mehr Mittel verordnet werden, desto eher verlieren Patienten – und auch Ärzte – den Überblick. In einer Umfrage im Auftrag der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA) gaben 60 Prozent der Befragten, die mehrere Präparate nehmen, an, schon mindestens einmal ein Medikament vergessen, verwechselt oder zum falschen Zeitpunkt eingenommen zu haben.

Und 29 Prozent der Patienten nehmen zusätzlich zu den verschreibungspflichtigen Mitteln noch rezeptfreie ein, etwa pflanzliche Beruhigungsmittel oder Vitaminpräparate. "Wie gut ein Betroffener den Überblick behält, das hängt vor allem von seinem generellen Zustand, bei älteren Menschen auch von der geistigen oder manuellen Leistungsfähigkeit ab", erklärt Joachim Zeeh. Pflegebedürftige sind dabei auf zuverlässige Angehörige oder Pflegekräfte angewiesen.Grundsätzlich fanden Forscher heraus, dass die Einnahmezuverlässigkeit in jedem Alter ab fünf Medikamenten pro Tag deutlich nachlässt.

Problem: Mehrere Ärzte, mehrere Verordnungen

Doch nicht nur die Patienten, auch behandelnde Ärzte stellen lange Diagnose- und Medikamentenlisten vor eine große Herausforderung. Sie müssen abschätzen, inwiefern diverse Arzneimittel untereinander interagieren und Nebenwirkungen auslösen können. Zusätzlich laufen häufig nicht alle Verschreibungen über den Hausarzt, sondern über unterschiedliche Fachärzte.

"Es kommt vor, dass ein Patient sieben Einzeldiagnosen erhält und jede einzelne Erkrankung vom jeweiligen Arzt nach Leitlinie behandelt wird", so Joachim Zeeh. "Wenn hier die Transparenz fehlt, übertönen aber oft unerwünschte Wirkungen den eigentlich beabsichtigten Effekt. Manche Mittel heben sich sogar gegenseitig in ihrer Wirkung auf und es ist kein Nutzen mehr nachweisbar."

Neben einer solchen gegenseitigen Beeinflussung mehrerer Wirkstoffe, ist auch eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes als Folge einer Medikamenteneinnahme möglich. Zum Beispiel kann es passieren, dass ein Wirkstoff den Appetit vermindert und der Betroffene sich dadurch noch schwächer fühlt. Nach Absetzen des Präparats bessert sich das häufig wieder.

Arzneimittelstatus überprüfen

Mediziner Zeeh plädiert in solchen Fällen ganz klar dafür, die Medikamentenzahl zu verringern. Er ermutigt Ärzte, den Arzneimittelstatus regelmäßig zu überprüfen: Braucht der Patient wirklich jedes Präparat? Dazu kann dieser stationär aufgenommen werden, um einen sogenannten Auslassversuch zu starten. Unter ärztlicher Kontrolle muss sich niemand vor lebensbedrohlichen Folgen fürchten.

"Die Erfahrung zeigt eher, dass die meisten von einer Reduktion der Wirkstoffe profitieren", so der Experte. "In über 90 Prozent der Fälle erleben die Betroffenen eine deutliche Verbesserung, wirken insgesamt leistungsfähiger und werden wieder mobiler."

Auch die Patienten selbst sollten aktiv werden, indem sie das Thema beim nächsten Arztbesuch ansprechen oder in der Apotheke um Rat fragen. Apotheker können beispielsweise mögliche Wechselwirkungen überprüfen, wenn der Patient alle Mittel auflistet, die er anwendet oder einfach mit den Packungen in die Apotheke geht. Wichtig dabei: Auch an Vitamintabletten und Medikamente denken, die man ohne Rezept kaufen kann und regelmäßig einnimmt.

Lebensqualität wichtiger als leitliniengerechte Therapie?

Ob es sinnvoll ist, Arzneimittel wegzulassen, hängt unter anderem von der Art der Erkrankung, dem Alter und der Lebensqualität des Einzelnen ab. Wer viele Tabletten einnimmt und damit gut zurechtkommt, muss nichts ändern. Doch warnt Joachim Zeeh davor, gerade bei betagten Menschen, allein die Verlängerung des Lebens als Therapieziel zu sehen. "Ich würde immer den Patienten oder das Umfeld fragen, welches Symptom als besonders belastend empfunden wird. Möglicherweise beeinträchtigen Knieschmerzen, die den Betroffenen ans Bett fesseln, viel mehr als ein möglicher Gefäßverschluss in einigen Jahren."

Mobilisieren, Schmerzen lindern, Muskelabbau verhindern – solche Ziele können für die Freude am Leben wichtiger sein, als einen Schlaganfall in der Zukunft zu verhindern. Daher sind von ärztlicher Seite vor allem Fingerspitzengefühl und ein ständiges Abwägen gefragt.

Fazit:

  • Viele ältere Menschen nehmen fünf oder mehr Medikamente täglich ein
  • Das erhöht das Risiko für Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
  • Ärzte sollten regelmäßig den Arzneimittelstatus überprüfen und abwägen, ob man auf Präparate verzichten könnte
  • Patienten sollten auch selbst aktiv werden und das Thema bei Arzt und Apotheker ansprechen


Bildnachweis: istock/Samuel Micut

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